In unregelmäßigen Abständen schaue ich ja hier auf die Entwicklungen in der E-Mobilität, vor allem ob die Versprechen von Politik und Herstellern hinsichtlich der Massentauglichkeit von E-Autos erfüllen.
Bisher scheiterten die Träume vom Siegeszug der E-Autos vor allem an drei Dingen: Preis, Ladeinfrastruktur und geringe Reichweite, wobei letztere mit der Infrastruktur zusammenhängt, denn wenn man überall in wenigen Minuten den Akku auf 100% vollladen könnte, dann würden viele auch mit Reichweiten um 300 km leben können.
Das wird mit der Zeit, sagen Politiker und Hersteller. Akkus werden immer billiger, die Infrastruktur wird ausgebaut und die Reichweiten werden auch größer.
Nun, an den Preisen tut sich hier und da ein wenig, aber generell gibt es immer noch einen Abstand von 15-20% zum vergleichbaren Verbrenner und die Infrastruktur ist noch lange nicht massentauglich. Was ist mit den Reichweiten?
Schauen wir doch mal auf aktuelle Modelle.
Die Auto-Bild hat aktuell einen Genesis GV70 Electrified im Dauertest über 100.000 km.
Schickes Ding! Gefällt mir optisch richtig gut. Der Testwagen ist knapp 2,5 Jahre alt, hat damals über 84.000 Euro gekostet und ist knapp 60.000 km gefahren.
Wir können es kurz machen (und die Überschrift sagt es ja schon).
Sehr weit kommt man mit dem Ding nicht, trotz eines recht großen Akkus mit einer Kapazität von 74 kWh. Beim Testverbrauch, also normaler Fahrweise, muss man etwa so alle 300 km an die Ladesäule.
Diese Zahl kenne ich nun seit Jahren! Mal sind es 330, mal 350, aber meist steht eine Drei am Anfang.
Da gibt man also über 84.000 Euro aus für ein - zugegebenermaßen sehr schickes E-Auto - und muss alle 300 km an die Ladesäule, wenn man dessen Potential nutzt?
Hm, weiß nicht... wo ist der Fortschritt?
Gut zu wissen, daß es diesen Wagen auch als Verbrenner gibt. Der ist genauso schick, hat auch viel Leistung (die man auch permanent nutzen kann) und muss nicht alle 300 km an die Ladesäule.
Aber gut, der Genesis GV 79e ist ja nun schon mindestens 2,5 Jahre alt. Was ist mit noch aktuelleren Modellen?
Mercedes schiebt gerade seine neue Kompakt-Limousine CLA in die Verkaufsräume.
Auch hier hilft wieder die Auto-Bild, die den Wagen gerade einem ersten Test unterzogen hat.
Am Anfang viel Lob. Angeblich 792 km Reichweite. Steht links im Einführungstext.
Rechts in der weißen Bubble steht dann die Realität: 508 km Reichweite. Also Testverbrauch. Die 792 sind ja nur der rechnerische Wert entsprechend dem WLTP-Protokoll. Ausnahmslos alle E-Autos liegen jedoch in der Praxis weit unter den theoretischen Werten. Im Schnitt so etwa 20%. Hier sind es sogar mehr als 35% Abweichung von der offiziellen Angabe im Verkaufsprospekt.
Und wir dürfen nicht vergessen, daß die 508 km nur die rechnerisch Reichweite bei voller Ausnutzung des Akkus sind, also 100%!
Das ist nur der Wert aus Verbrauch mal Akku-Kapazität. In der Realität werden E-Autos schon bei viel niedrigeren Akkuständen aufgeladen. Wenn man kein Eigenheimbewohner mit Wallbox in der Garage ist, wo man quasi jederzeit aufladen kann, dann nutzt man eigentlich immer nur 60-70% der Kapazität des Akkus.
Es hat einen Grund, weshalb die Hersteller die Ladezeiten in den Prospekten immer für den Bereich 10/20 - 80% angeben. Darunter und darüber dauert es erheblich länger, bis der Strom seinen Weg in den Akku findet. Für die letzten 20% kann es dann auch gern mal so lange dauern wie für die Aufladung von 20 auf 80%.
Wenn man unterwegs ist, hat man nicht die Zeit, stundenlang zu warten. Die Aufladung auf 80% dauert ja eh schon 20-30 Minuten. Hier beim nagelneuen CLA, mit seinem 800 Volt-Bordsystem und 320 kW Ladeleistung dauert es ja auch immer noch 22 Minuten. Und das auch nur, wenn die Ladesäule diese 320 kW überhaupt abgeben kann, was in der Realität eher selten der Fall ist.
In einigen Testberichten wird inzwischen sogar angegeben, wieviel Zeit es kostet, bis man 200 oder 300 km Reichweite hinzugefügt hat. Unabhängig vom Ladestand des Akkus.
Es gibt Gründe für solche Angaben! Und die liegen in der Realität! Und die heißt, daß man ohne heimische Wallbox oder Ladestation am Arbeitsplatz tatsächlich alle 200-300 km irgendwo ranfahren muss, um mobil zu bleiben.
Auf den brandneuen CLA bezogen, der wirklich neueste Batterietechnik zur Verfügung hat, bedeutet dies, daß von den 508 km Reichweite im Alltag wieder nur etwas mehr als 300 km übrig bleiben.
Und das auch bei normaler Fahrweise. Will man das volle Leistungspotential dieser E-Autos nutzen oder hat man es eilig, dann sinkt die Reichweite noch mehr.
Ich konnte das kürzlich wieder live beobachten. Ich habe vorgestern an einem Tag ca. 1.200 km Fahrt hinter mich gebracht. 1.100 km davon auf der Autobahn. Ich habe eine Menge teurer E-Autos überholt, die auf der rechten Spur mit 110 oder 120 km/h gebummelt sind.
Sie werden ihre Gründe gehabt haben.
Überholt wurde ich von keinem einzigen E-Auto. Nur im Stadtverkehr beim Ampelstart. Naja, wer es braucht...
Die versprochene Reichweite erreicht man nur näherungsweise, wenn man die passenden Reifen vom Werk nimmt (also nichts da mit schicken Breitreifen auf Alus) und bei der Zusatzausstattung spart. Da kriegst du dann also ein schmal ausgestattetes Auto auf dünnen Reifen für über 55.000 Euro Einstiegspreis. Toll. Das nenn ich Fortschritt.
In derselben Ausgabe der Auto-Bild wurde übrigens auch ein aktueller BMW X3 als Diesel 40d getestet.
Zu Preisen ab etwa 70.000 Euro (ohne Zusatzausstattung) bekommt man einen feinen Reisedampfer in der Größe des oben erwähnten Genesis GV 70e. Der ist ähnlich groß, genauso gut verarbeitet und kostet weit über 80.000 Euro. Er hat zwar 490 PS Systemleistung, der BMW "nur" 303, allerdings steht diese Leistung beim BMW quasi permanent zur Verfügung und nicht wie bei E-Autos nur für kurze Zeit.
Mit dem tatsächlichen Testverbrauch von 6,6 Litern und einem Tankinhalt von 60 Litern kommt man damit gut und gerne 900 km weit und kann zielgenau den Tank ausnutzen bis zur nächsten Tankstelle. In dieser Zeit stand der Genesis schon 2 mal an der Ladesäule.
Also auch aktuell ist kein besonders großer Fortschritt bei Elektro-Mobilität erkennbar.
Die Zulassungszahlen steigen ja auch nicht mehr so wie in den Vorjahren. Eventuell ist der Hype auch in 2 oder 3 Jahren vorbei und E-Autos sind dann das, was sie eigentlich immer nur sein konnten: Nischenmodelle für Technikfreaks und "Klimapaniker".
Wir werden sehen.


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