Samstag, 29. August 2026

"Reise-Riese"? Alles ist relativ.

Die Auto-Bild hat den neuen elektrischen Volvo ES90 getestet, das Limousinen-Flagschiff der Schweden. Das obere Ende der Nahrungskette.

Titel des Berichtes: "DER REISE-RIESE".

 


 

Schick sieht er aus, allerdings einem Polestar zum Verwechseln ähnlich. Aber egal, Design ist eh Geschmackssache.

Die Auto-Bild erklärt auch gleich, was sie mit "Reise-Riese" genau meint: satte Reichweite bei luxuriösem Anspruch.

Also abgesehen davon, daß man Luxus in einem Auto nicht nur auf der Langstrecke genießen kann (ein Stau im Bentley ist angenehmer als im Dacia), was genau meinen die mit "satter Reichweite"?

Die offizielle Angabe nach WLTP? Also von der wissen wir ja nun, daß man davon mal locker 20% im realen Alltag abziehen kann. Und das auch nur bei optimalen Temperaturen. Dazu kann man locker nochmal 30% abziehen, weil man E-Autos selten fast leer fährt und auch selten auf 100% die Akkus lädt. Die Angaben zur Ladezeit beziehen sich ja daher auch meist auf 10/20%-80%. Also die unteren 10/20% und die oberen 20% werden kaum genutzt.

Die Auto-Bild kommt dann in ihrem Test auch statt der versprochenen 638 km Reichweite nach WLTP auf 391 km. Und das ist der rechnerische Wert für Nutzung von 100% der Akku-Kapazität. Also einmal komplett vollmachen und entleeren.

Davon nochmal gut 30% abgezogen für den Bereich 10-80% kommt man dann am Ende auf etwa 300 km, nach denen man schon Ausschau nach der nächsten Ladesäule halten sollte.

 


 

 

Aber immerhin: voll geladen fährt er tadellos. Na wenn das mal kein Verkaufsargument ist, daß ein vollgeladenes Auto gut führt.

Mein Audi A6 Avant fährt vollgeladen auch sehr gut. Ob man da von Luxus reden kann, weiß ich nicht, aber die Karre hat auch alles, was man braucht und was man nicht braucht. Die Sitze sind langstreckentauglich, der Platz ist schon fast luxuriös und das Motorgeräusch, dieser Nachweis von Arbeit einer elektro-mechanischen Ingenieursleistung, das mir an einem Auto gefällt, hält sich vornehm zurück und wen es stört, der schaltet einfach die Musik lauter.

Und apropos Reichweite: wir waren vor kurzem Nahe der Belgischen Grenze. Über 600 km hin und über 600 km zurück. Vor Ort noch 3 Tage hin und her gefahren. Insgesamt so 1.400 Kilometer.

Zuhause vor dem Start voll getankt, war vor der Rückfahrt noch fast die Hälfte Diesel im Tank. Und nur um zu vermeiden, daß ich für die letzten Kilometer bis nach Hause an einer teuren Autobahn-Tanke nachladen muss, hab ich vor Ort billiger getankt. Hat keine 5 Minuten gedauert. 

Außerdem wollte ich bei der Rückfahrt möglichst schnell nach Hause kommen und auf der weitgehend von Tempolimits befreiten Strecke bin ich große Teile mit 170-180 km/h gefahren. Wäre ich gefahren, wie die meisten E-Autos, nämlich mit 100 oder 110 auf der rechten Spur, hätte ich mir ums Tanken erst wieder zuhause Gedanken machen müssen. Und trotz zügiger Fahrt lag der Verbrauch bei etwa 6,5 Liter.

Währenddessen hätte der Volvo-Fahrer mindestens 4 Mal für jeweils etwa 30 Minuten an einer Ladesäule halten müssen. Und das auch nur am Schnellader an der Autobahn, der sehr teuer ist.

Ja, Pausen sind schön und wichtig, aber in meinem Auto entscheide ich über die Pause und nicht das Auto. Auf Hin- und Rückfahrt jeweils 1 Mal für etwa 10 Minuten an einem kleinen Rastplatz angehalten wegen Pinkelpause. Bisschen Dehnungsübungen und weiter ging's. 

Essen hatten wir uns in Form der seit Jahrhunderten bewährten Butterstulle mit Belag und geschnittenem Obst und Gemüse mitgenommen. Allemal nahrhafter als mancher Raststätten-Fraß. Und natürlich billiger. Kaffee gab es aus der Thermoskanne.

Und wie gesagt: so ein A6 fährt sich auch sehr komfortabel. Viel besser kann so ein Volvo ES90 nicht sein, auch nicht mit Luftfederung.

Und ob die folgenden Kritikpunkte der Auto-Bild-Tester dann noch den Begriff "Luxus" rechtfertigen, weiß ich auch nicht.

 


 

Auf der nächsten Seite wird dann zum Ausgleich die erstklassige Hifi-Anlage von Bowers&Wilkins angepriesen, die allerdings auch extra kostet. Nun ja, schöne Musikanlagen kann man sich in jedes andere Auto auch einbauen. 

Die Preise sind vergleichbar. Ein ähnlich motorisierter A6 startet auch bei etwa 72.000 Euro und beide lassen sich mit der langen Aufpreisliste oder einem Paket locker auf über 80.000 Euro hieven. Wobei man bei der Motorisierung sagen muss, daß die Spitzenleistung eines E-Autos nur für Sekunden möglich ist. Ein Verbrenner kann theoretisch mit der Nennleistung bei entsprechender Drehzahl so lange fahren, bis der Tank leer ist. Sie liegt immer an. Bei einem E-Auto ist das technisch möglich, also die 333 PS stehen auch nur auf dem Papier als kurzzeitige Spitzenleistung.

Keine Frage, der Volvo ES90 ist sicher ein tolles Auto, aber ihn als "Reise-Riese" mit satter Reichweite zu verkaufen, ist dann doch ein wenig weit hergeholt. 

 

 


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